AG „Schwarzes Theater

Die theaterpädagogische Arbeit hat am Westfalen-Kolleg Paderborn bereits eine lange Tradition. Im Jahre 1991 gegründet, treffen sich seit mittlerweile 28 Jahren regelmäßig 10-20 Theaterbegeisterte jeden Mittwoch von 19.00-21.45 Uhr, um im Rahmen der AG „Schwarzes Theater“ ihr  theatrales Unwesen in den Räumen des Kollegs zu treiben. Insgesamt waren es inzwischen fast 200 Akteurinnen und Akteure, die sich in dieser Zeit als Beleuchter, Foto-grafen, Kulissenbauer, Plakatgestalter, Tontechniker, Regisseure und Schauspieler an unseren 27 Theaterproduktionen engagierten. Die meisten von ihnen waren (und sind) Kollegiaten. Aber auch etliche „Externe“ fanden den Weg in unsere Gruppe. Gerade diesem „offenen Konzept“ sowie der von kollektiver Neugier und freundschaftlicher Akzeptanz geprägten Arbeitsatmosphäre ist es zu verdanken, dass immer wieder Ehemalige in unser Ensemble zurückkehren und so für eine gesunde Mischung aus „Jung und Alt“ sorgen. Auf diese Weise gelang es uns zudem, das kreative Potential sowie das schauspielerische Niveau des Teams trotz aller Abgänge über all die Jahre hoch zu halten.

Deutlich verändert hat sich zwischenzeitlich allerdings die Arbeitsweise in unserer Theater-AG. Lag in den ersten fünf Jahren der Schwerpunkt noch auf dem experimentellen Einsatz von Schwarzlicht-,  Schatten- und Bewegungstheater im Rahmen selbst entwickelter Szenen und Stücke, so wandten wir und in der Folgezeit zunehmend dem Sprechtheater zu. Im Rahmen der kreativen Bearbeitung von  Klassikern wie „Die Göttliche Komödie“ (Dante), „Ein Sommernachtstraum“ (Shakespeare) und „Die tragische Historie des Doktor Faustus“ (Marlowe) griffen wir erstmals auf vorhandene Stückvorlagen zurück, ließen dabei aber zunächst noch alle der vier oben genannten Theaterformen in unsere Inszenierungen mit einfließen.

Mittlerweile haben wir uns fast ganz vom Schwarzlichttheater verabschiedet und unsere Liebe zu Stücken jüngeren Datums entdeckt. So standen in den letzten Jahren Werke von Autorinnen und Autoren wie Sibylle Berg, Kenneth Brannagh, Marina Carr, Helmut Krausser, Tracy Letts, Dea Loher, Marius von Mayenburg und Marlene Streeruwitz auf unserem Spiel-plan. Gezeigt haben wir die Früchte unserer theaterpädagogischen Arbeit mit viel Erfolg auf kleineren und größeren Bühnen in Bielefeld, Delbrück, Kassel, Koblenz, Paderborn und Wolfsburg.

Einige ehemalige Ensemblemitglieder wie Anna Drechsler (Dramaturgieassistentin am Theater Koblenz), Tim Tölke (Schauspieler am Theater Paderborn), Philip Heines und Jens Meyer (beide Schauspielschüler an der Schauspielschule Kassel) wurden derart vom „Theatervirus“ infiziert, dass sie nach ihrer Kollegzeit eine theatrale Laufbahn eingeschlagen haben.

Aufführungen

„Floh im Ohr“ von Georges Feydeau (2019)

„Der Floh im Ohr“, so lautet der Titel der aktuellen Produktion des „Schwarzen Theaters“, welche die 25- köpfige Paderborner Theatergruppe an fünf Terminen im Februar und März 2019 auf die Bretter der Kollegbühne bringt.

Im Eheleben der Chandebises herrscht „tote Hose“. Da werden dem Ehemann Victor-Emmanuel seine vergessenen Hosenträger per Post nachgeschickt. Absender ist das äußerst zwielichtige Hotel „Zum Schlummerkätzchen“. Für die ohnehin schon misstrauische Ehefrau Raymonde Chandebise ist klar: Ihr Mann betrügt sie! Mit Hilfe ihrer einfallsreichen Freundin Lucienne will sie den mutmaßlichen Fremdgeher in eine Falle locken und ihn ausgerechnet in jenem Etablissement „in flagranti“ ertappen.

Im „Schlummerkätzchen“ angekommen beginnt der umtriebige Plan jedoch schnell außer Kontrolle zu geraten. Fernab jeder braven, bürgerlichen Moral, scheinen in diesem fragwürdigen Hotel unter der gestrengen Leitung von Augustin(e) und Olympe Feraillon Vergnügungssucht und Hemmungslosigkeit zu regieren. Fortan entwickelt sich ein rasanter Verwechslungsreigen voller Anzüglichkeiten, Mißverständnisse und Peinlichkeiten, in dessen Verlauf die lust- und frustvollen Begegnungen der insgesamt 14 Protagonisten zuweilen äußerst absurde Züge annehmen.

Bei dem von Georges Feydeau im Jahre 1907 geschriebenen Stück handelt es sich um eine der atemberaubensten Verwechslungskomödien der Theatergeschichte. Gerade in den letzten Jahren haben zahlreiche größere Theater in Deutschland den Autor wiederentdeckt und dieses unterhaltsame Ensemblestück in ihren Spielplan aufgenommen.

„Eine Familie“ von Tracy Letts (2018)

„Eine Familie“, so lautet der Titel der neuen Produktion des „Schwarzen Theaters“, welche die Paderborner Theatergruppe im März 2018 an fünf Terminen auf die Bretter der Kollegbühne bringt. In seinem, im Jahr 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstück wirft der amerikanische Autor Tracy Letts einen tragikkomischen Blick auf das (Familien-)Leben in all seinen absurden, unschönen und verlogenen Auswüchsen.

Alkohol, Tabletten und Lebenslügen, das ist der Kitt, der die Familie Weston seit Jahren zusammenhält. Doch eines Tages hat das Familienoberhaupt Beverly Weston die Nase voll. Er engagiert eine Pflegerin für seine krebskranke Frau Violet und verschwindet von einem Tag auf den anderen. Um Violet beizustehen, reist der gesamte Familienclan an. Die Tage der Ungewissheit über Berverlys Verbleib wer-den für alle Familienmitglieder zur Zerreißprobe: bisher gutgehütete Familiengeheimnisse werden ans Licht gezerrt, schwelende Konflikte brechen offen aus, das gut gemeinte Familientreffen wird zu einem bitterbösen familiären Schlachtfeld.

Thematisch steht Tracy Letts hier durchaus in der Tradition von Autoren wie Eugene O´Neill und Tennessee Williams, seine stärkeren Anleihen an den schwarzen Humor sind jedoch unverkennbar.

„Diebe“ von Dea Loher (2017)

„Diebe“, so lautet der Titel der neuen Produktion des „Schwarzen Theaters“, welche die Paderborner Theatergruppe im März 2017 an fünf Terminen auf die Bretter der Kollegbühne bringt.

In diesem im Jahre 2010 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten Stück verknüpft die Autorin Dea Loher in 37 szenischen Skizzen scheinbar absichtslos die Geschichten von zwölf ganz unterschiedlichen Existenzen am Rande einer Großstadt.

Da ist Finn, ein einsamer Versicherungsmakler, der die Augen aufschlägt und weiß, dass er nie mehr aufstehen möchte. Linda, seine Schwester glaubt, einen streunenden Wolf gesehen zu haben und träumt nun davon, dass ihre vom Konkurs bedrohte Therme Teil eines Naturreservats wird. Erwin, der Vater der beiden ist fast blind. Er verdächtigt die anderen Mitbewohner des Altersheims sein Fernrohr gestohlen zu haben. Monika, eine Verkäuferin im örtlichen Supermarkt, erhofft sich eine Beförderung zur Supermarktleiterin in Holland. Das wäre für sie eine Anerkennung. Ihr Mann Thomas, ein Polizist, würde mitgehen. Aber eine Versetzung ins Ausland ist für ihn nicht möglich. Herr und Frau Schmidt fühlen sich beobachtet. Ihre „heile Welt“ scheint bedroht. Sie liegen auf der Lauer. Mira ist schwanger. Aber sie möchte das Kind nicht bekommen. Josef, der Vater des Kindes hält jedoch nichts von einem Abbruch. Die Boutiquebesitzerin Gabi und ihr Freund Rainer suchen nach einer gemeinsamen Wohnung. Aber meint er es wirklich ernst? …Und da ist Ira, eine ältere Dame, die seit 43 Jahren in einem Hotelzimmer auf ihren Mann wartet, der nur kurz spazieren gehen wollte.

Im Rahmen dieser 2-stündigen „Patchwork-Komödie“ treffen die zwölf Existenzen in den unterschiedlichsten Konstellationen aufeinander und sehen sich zumeist zu einem späteren Zeitpunkt in überraschenden Begegnungen an anderer Stelle wieder. Auf diese Weise nimmt das Stück immer wieder unerwartete Wendungen, entfaltet sich ein komisch-grotesk und zuweilen überreal anmutendes Netzwerk von Episoden, deren Protagonisten in ihren Ängsten, Hoffnungen und Sehnsüchten verfangen sind.

„Haltestelle. Geister.“ von Helmut Krausser (2016)

„Haltestelle. Geister.“, so lautet der Titel der neuen Produktion des „Schwarzen Theaters“, welches die 17-köpfige Paderborner Theatergruppe im Februar 2016 an sechs Terminen auf die Bretter der Kollegbühne bringt. Ort der Handlung dieses im Jahre 2000 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführten Stückes ist eine Bushaltestelle. Dort stoßen Menschen unterschiedlichster Couleur auf ihrer Suche nach Abenteuer, Glück, Liebe, Rausch, Leidenschaft, Trost und Anerkennung mehr oder minder hart aufeinander. Da gibt es z.B. Tallulah, eine junge Frau, die glaubt eine außerirdische Prinzessin zu sein … den Dönermann, der an der Haltestelle arbeitet und sich in Tallulah verliebt … die drei Tussen, die auf der Suche nach Party auch mal einen älteren Mann ausrauben … den sehr alten Mann, der seit 19 Jahren seine Frau sucht und sie nicht finden kann … Herrn und Frau Oper, die sich zuweilen zum Zeitvertreib in verbalerotischen Auseinandersetzungen ergehen … und Rico, den Pillendealer, der im Laufe des Stücks, wie so manch anderer, sein Leben lassen muss und dann als Toter zur Haltestelle zurückzukehrt und über das Leben philosophiert.

Es ist eine mysteriöse Handlung voller kurzer, mehr oder weniger zufälliger Begegnungen mit ihren aberwitzigen und bösen Geschichten, die der Autor wie in einer Art Zeitraffer beschreibt.

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