„Das Abitur trotz allem mit Fleiß erreicht zu haben, das werden wir nie vergessen!“

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Die neu Zugewanderten Tareq al Hasan (23 Jahre) und Mohmed Haj Bakur (22 Jahre) erlangen am Westfalen-Kolleg Paderborn ein außerordentliches Abitur.

 

„Es ist wirklich ein sehr spezieller Moment“, beschreibt Tareq al Hasan seine Gefühle. „Wir haben beide ein Ziel erreicht, dass wir uns schon als Jugendliche vorgenommen hatten und zwischenzeitlich dachten wir, dass das vielleicht nie klappt“ ergänzt sein Freund Mohmed Haj Bakur. Beide kommen gerade aus dem Hörsaal des Westfalen-Kollegs Paderborn, in dem sie ihre Abiturergebnisse erfahren haben. Die Zahlen auf dem Papier bescheinigen Tareq und Mohmed, dass sie ein gutes Abitur erreicht haben. Aber worüber die nackten Zahlen keine Auskunft geben, ist, dass dafür ganz außergewöhnliche Herausforderungen bewältigt haben. Denn vor fünfeinhalb Jahren sprachen beide noch kein Wort Deutsch. Damals lebten die beiden in Syrien, Tareq in Aleppo und Mohmed in der Nähe Idlips, und sie kannten sich noch nicht. Aber beide mussten die Erfahrung machen, dass der Krieg in ihrem Land ihr gewohntes Leben zerstört hatte und auch ihre Zukunftsperspektiven zu rauben schien.

Im Jahr 2015 kamen beide dann nach Paderborn und waren hier weitgehend auf sich allein gestellt. Sie besuchten Integrations- und Sprachkurse. Und trotz aller Widrigkeiten behielten sie ihr Ziel im Blick: Sie wollen Abitur machen und studieren. „Leider hat mich damals niemand dazu ermutigt oder Tipps gegeben, wo ich das machen kann.“ Aber Tareq macht sich selbst auf die Suche und stößt so auf das Westfalen-Kolleg. Dort trifft er dann auch auf Mohmed, denn beide besuchen den im Jahr 2017 vom Kolleg eingerichteten Internationalen Vorkurs. Dieser richtet sich an junge Erwachsene wie Mohmed und Tareq, deren erster Bildungsweg zum Abitur in einem anderen Land unterbrochen wurde. In dem Vorkurs werden sie insbesondere sprachlich, aber auch in den Fächern Mathematik, Englisch, Geschichte und Sport auf den Besuch des Weiterbildungskollegs vorbereitet.

Aufgrund ihrer guten Leistungen verlassen Mohmed und Tareq den auf ein Jahr angelegten Kurs schon nach einem halben Jahr, um direkt mit der Einführungsphase zum Abitur im ersten Semester des Kollegs zu beginnen. „Am Anfang war es schon schwer für uns wegen der Sprache, besonders in Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Soziologie“, erinnert sich Mohmed. „Und eigentlich mussten wir auch drei deutsche Sprachen lernen“, fügt Tareq schmunzelnd hinzu. „Das Deutsch aus dem Sprachkurs, das Deutsch im Unterricht und das Deutsch vom Schulhof.“ Die Noten in den sprachbasierten Fächern waren anfangs noch nicht gut, obwohl beide viel Zeit investiert haben. „Das war schon manchmal frustrierend. Wir haben so viele Wörter nachschlagen müssen, wenn wir einen Text bearbeitet haben. Am Rand standen dann fast so viele arabische Wörter, wie in dem Text deutsche. Wir haben schon eine Stunde Zeit gebraucht, bevor wir überhaupt anfangen konnten uns Gedanken darüber zu machen, was in dem Text steht.“ In den Klausuren gab es dann trotz der Anstrengungen fünfen. „Es war für uns total aufbauend, dass die Lehrerinnen und Lehrer trotzdem an uns geglaubt und uns Mut gemacht haben. Sie haben uns Inhalte nochmal und anders erklärt oder besondere Aufgaben zur Übung gegeben“, schildert Tareq. „Geholfen hat uns natürlich auch, dass wir beide in Mathe, Physik und Englisch gut waren“, ergänzt Mohmed. „Für die Fächer mussten wir etwas weniger tun.“ Mit Blick auf das Westfalen-Kolleg war für beide ein weiterer Aspekt bedeutsam. „Meine Zwillingsschwester hat ihr Abitur in Berlin nachgemacht“, erklärt Mohmed. „Aber sie war an einem Gymnasium und hat sich dort nicht wohl gefühlt. Das lag einfach daran, dass sie dort mit 16-Jährigen in der Klasse war. Am Westfalen-Kolleg haben wir mit Erwachsenen zusammen gelernt und schnell Kontakte zu den anderen Studierenden aufbauen können. Das hat dann auch geholfen schneller Deutsch zu lernen.“ „Und ich hatte auch das Gefühl, dass die Kollegiaten die Situation sehr gut verstanden haben, in der wir sind“, fügt Tareq hinzu.

Beide fühlen sich am Kolleg sehr wohl und das hilft ihnen dabei, auch anfängliche Misserfolge und Frustrationserlebnisse zu überwinden. In Fächern wie Mathematik, Physik, Kunst, Chemie oder Englisch erreichen sie ohnehin gute Noten. Und auch in den stärker sprachlich basierten Fächern werden sie nach und nach immer besser. Sie bekommen ein gutes Feedback zu ihren Fortschritten, die sie von Semester zu Semester machen, und erkennen diese dann auch selbst. Sie absolvieren die dreijährige Einführungs- und Qualifikationsphase für das Abitur ohne Schwierigkeiten und legen im Oktober und November ihre Abiturprüfungen ab, die an Weiterbildungskollegs unter den Bedingungen des gymnasialen Zentralabiturs zweimal jährlich durchgeführt werden.

Schriftlich werden beide in ihren Leistungskursen Mathematik und Biologie und in Englisch als drittem Abiturfach geprüft. In der vierten, mündlichen Prüfung müssen die Studierenden zunächst eigenständig fachliche Zusammenhänge erläuternd darstellen und anschließend ein Prüfungsgespräch absolvieren. „Das in der Prüfung auf Deutsch machen zu müssen, davor hatte ich ein bisschen Angst“, schildert Tareq. „Aber am Ende musste mich die Lehrerin bremsen, weil die Zeit vorbei war und ich immer noch geredet habe.“

Die mündliche Prüfung machen Mohmed und Tareq beide im Fach Erdkunde direkt hintereinander. „Als wir dann die Noten bekommen haben und beide eine zwei hatten, da haben wir uns angeguckt und waren schon ein bisschen stolz.“

Am 18. Dezember bekommen Mohmed und Tareq ihre Abiturzeugnisse, deren Notendurchschnitte, 2,6 und 2,2, nur einen Teil der hervorragenden Leistungen ausdrücken, die beide erbracht haben. „Dass wir unser Ziel trotz der Umstände mit viel Anstrengung erreicht haben, das werden wir nie vergessen!“, schauen beide zurück und auch nach vorne. Denn das Abitur öffnet ihnen die Tür für ihre angestrebten Studiengänge: Tareq wird Informatik studieren und Mohmed Maschinenbau. Beide leben sehr gerne in Paderborn, aber Tareq zieht es an die TU Dortmund, weil ein Teil seiner Familie in der Stadt lebt, und Mohmed wird an der hiesigen Universität seinen Weg fortsetzen.

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