Studierende entdecken Kontroverse um den Jahnplatz im Archiv

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Sammy Sterzer und Hanna Niggemeyer waren viele Male über den Jahnplatz im Riemekeviertel gelaufen. Der Benennung und dem dortigen Gedenkstein an Friedrich Ludwig, genannt „Turnvater“ Jahn (1778–1852) hatten die beiden dabei keine Beachtung geschenkt. Dies änderte sich jedoch grundlegend durch die Arbeit im Projektkurs mit dem Titel „WIR – Öffentliche Erinnerung als Merkmal kollektiver Identität“.

Die feierliche Einweihung des Gedenksteins 1952.

 

 

 

 

 

 

 

Da sie das konkrete Thema innerhalb dieses Rahmens selber wählen und erarbeiten konnten, entschlossen sie sich, nach Denkmälern zu suchen, die ihrer Wahrnehmung nach gegenwärtig keine große Bedeutung in der Erinnerungskultur haben. Dabei kam ihnen dann der Jahn-Gedenkstein quasi vor der eigenen Haustür zu Bewusstsein! Dass es sich dabei um einen besonders lohnenden Untersuchungsgegenstand handelt, wurde dann im Laufe der Recherchen im Paderborner Stadt- und Kreisarchiv klar. Dort fanden sie heraus, dass der Rat der Stadt Paderborn im Juni 1951 beschlossen hatte, den Jahnplatz in Gutenberg-Platz umzubenennen. Die Sitzungsprotokolle schweigen zu den genauen Gründen, aber die spätere Berichterstattung legt unter anderem nahe, dass es die Perspektive auf Jahn als Traditionsstifter des Nationalismus und Militarismus war, die den Impuls zur Umbenennung gegeben hatte. Schon im Oktober des gleichen Jahres wurde dieser Beschluss jedoch wieder rückgängig gemacht. Es war zu Protesten von Bürgern und namhafter Vertreter des Deutschen Sport- und des Turnerbundes gekommen. Nach der Rückbenennung stiftete der TV 1875 Paderborn im darauf folgenden Jahr 1952 schließlich den Gedenkstein. In den archivierten Beschwerdebriefen und der Berichterstattung über die feierliche Einweihung des Gedenksteines – übrigens der ersten Denkmalstiftung seit Kriegsende – stehen nicht nur die Verdienste Jahns um die „Leibesertüchtigung“ im Zentrum. Sein Engagement für bürgerliche Freiheitsrechte, politische Mitbestimmung und nationale Einigung hatten ihm während der Reaktionszeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch politische Verfolgung eingebracht. „Die Kontroverse und die Umbenennung des Platzes sind aufgrund der bei Jahn feststellbaren nationalistischen und fremdenfeindlichen Äußerungen durchaus nachvollziehbar, gerade kurz nach dem Ende der NS-Herrschaft im Jahr 1951. Allerdings muss man seine Äußerungen im Kontext der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewerten“, meinen die beiden Studierenden. Da Jahn jedoch nicht nur wesentliche Impulse für eine Entwicklung des Vereinswesens geliefert habe, sondern sich trotz persönlicher Nachteile auch mutig für eine Demokratisierung und bürgerliche Freiheitsrechte eingesetzt habe, könne die Erinnerung an ihn auch heute ein Beitrag zur Identitätsbildung einer demokratischen Gesellschaft sein.

Über die Arbeit der Studierenden wurde auch in der Neuen Westfälischen berichtet.

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